Sonntag, 14. Januar 2018

Rezension: Tausend Sorgen sind zu viel für einen Tag von Cilla Jackert

Tausend Sorgen sind zu viel für einen Tag

Autorin: Cilla Jackert
erschienen November 2016
ISBN: 978-3-551-55658-5
zum Verlag → Carlsen
© Carlsen
Tausend Sorgen sind definitiv auch zu viele für ein Buch!

Für mich ist dies aus verschiedenen Gründen kein Kinderbuch (ausgeschrieben ab 11 Jahren):

Zum einen fehlt dem Buch die Handlung. Es gibt keine richtige Geschichte, kein Abenteuer, das voranschreitet. Der Leser erhält einen kleinen Ausschnitt aus verschiedenen Sommerferientagen der elfjährigen Majken. Zwar macht sie letztlich eine kleine – oder irgendwie auch riesige – Entwicklung durch, aber insgesamt wird wenig aktive Handlung beschrieben, da die meiste Zeit Majkens Gedanken geschildert werden: Gedanken zu aktuellen Geschehnissen, Erinnerungen und jede Menge Sorgen.

Und das ist der zweite Grund, warum ich das Buch nicht für 11-jährige geeignet finde. Es ist sicher sinnvoll, auch Kinder schon für ernste Themen wie Umweltschutz zu sensibilisieren, aber hier wird es ziemlich übertrieben. Majken macht sich nicht über eine Sache Sorgen, sondern wälzt nahezu jedes Problem, das auf der Welt möglich ist. Umweltverschmutzung, Massentierhaltung, Konservierungsmittel, Krankheiten, Unfall- und Verbrechensstatistiken, Terror, Krieg, Naturkatastrophen... tausend Bereiche werden, überwiegend sehr kurz und überspitzt, angeschnitten. Ein empfängliches Kind wird vermutlich nach dem Lesen ängstlicher sein als zuvor, da man mit so vielen, teilweise in dem Alter vielleicht noch gar nicht bekannten, Problemen gleichzeitig konfrontiert wird. Denn für Majken lauert an jeder Ecke Gefahr. Ihr größtes Abenteuer besteht darin, die „verbotene“ andere Straßenseite zu erkunden...

Dennoch war ich von der Wendung am Ende – der Auflösung des Auslösers ihrer Ängste –  ergriffen, denn dies wird ebenso schockierend wie bewegend geschildert (aber auch eher nicht kindgerecht).
Danach entwickelt sich eine positivere Handlung (!), Majken beginnt weniger eng zu denken und öffnet sich für ihre Umwelt und Mitmenschen, aber leider nur wenige Seiten lang.. Letztlich konnten mich daher nur ein kleiner Teil des Buches wirklich mitreißen, die restliche Zeit hat mich Majkens erzwungene Schwarzseherei ziemlich angestrengt, auch wenn die nüchtern kindlich Darstellung der personalen Erzählweise teilweise recht amüsant war.

Fazit
Schwierig. Die 11-jährige Majken ist so voller Sorgen und Ängste, dass für Freunde und Spaß kein Platz bleibt. Zwar macht sie diesbezüglich in der Geschichte eine Entwicklung durch, insgesamt fehlt dem Buch aber die Handlung, da die Beschreibungen von immer neuen und sich wiederholenden Ängsten, Sorgen und Katastrophen überfüllt ist, sodass für aktives Geschehen kaum Raum bleibt. Erst auf den letzten Seiten setzt sich das Umdenken bei Majken, das sich zwischenzeitlich in kleinen Gesten bereits andeutet, durch. Die Trauerbewältigung, die hier als neues Thema plötzlich noch hinzukommt, ist bewegend geschildert, aber auch sehr kurz gefasst.
Zwar finde ich es sinnvoll, auch in Kinderliteratur nicht nur eine heile Welt zu schildern, aber hier werden so viele Probleme angeschnitten, dass sensible Kinder von der Vielzahl alltagsnaher Gefahren überfordert sein könnten, da diese überwiegend kurz und als extrem lebensgefährlich (Straße überqueren = Unfall!; Softeis essen = Lebensmittelvergiftung!;  Leberfleck = Krebs!) ohne viele Erklärungen in den Raum geworfen werden. Nach dem Lesen hat man definitiv mehr Sorgen als vorher. Da viele davon einen intensiveren Gedanken wert wären, wäre eine tiefere Behandlung von halb so vielen Themen sicher nachhaltiger gewesen... Dass sich Majkens Leben und ihre Sicht auf die Dinge auf den letzten 10 Seiten ändert, sorgt zumindest dafür, dass man das Buch - wenn man bis hierhin durchgehalten hat - nicht völlig deprimiert beiseite legt. Insgesamt geht die Entwicklung in der Flut der Sorgen aber eher unter...



Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen