Dienstag, 11. April 2017

Rezension: White Zone - Letzte Chance von Katja Brandis

White Zone - Letzte Chance

Autorin: Katja Brandis
erschienen März 2017
Verlag: Beltz
ISBN: 978-3-407-82194-2

 © Beltz
das unglaublich tolle Setting konnte mich in seinen Bann ziehen

Sechs straffällig gewordene Jugendliche werden zur Resozialisierung auf einer verlassenen Forschungsstation in der Antarktis untergebracht. Dort sollen sie mithilfe von zwei Betreuern ihr Leben wieder in den Griff bekommen. Dabei läuft in dieser ungewöhnlichen Umgebung nur wenig nach Plan...

Normalerweise überfliege ich die Danksagung in einem Buch nur kurz, doch diese ist unglaublich interessant. Katja Brandis war selbst in der Antarktis und berichtet kurz über ihre Erfahrungen und erzählt wie Dinge, die sie dort erfahren oder gesehen hat, in die Geschichte eingeflossen sind.
Dass die Autorin ihren ungewöhnlichen Handlungsort kennt, merkt man auch an den vielen bildhaften Beschreibungen, die eisige, bedrohliche Atmosphäre des Buches ist wirklich toll.
Im Glossar werden viele antarktis-typische Phänomene und weitere im Buch verwendete Fachbegriffe verständlich erklärt.

Wie kommt man auf die Idee, Jugendliche ausgerechnet in so eine lebensfeindliche Region zu bringen?! Da hätte es doch ähnlich wirkungsvolle Orte gegeben, in denen aber nicht jeder Schritt zur Lebensgefahr werden kann. Doch gerade das Setting konnte mich absolut begeistern und macht für mich den Reiz der Geschichte aus. Die einzigartige Schönheit kommt in dem detaillierten Schreibstil genauso gut zur Geltung wie die ständige Gefahr, die die weiße Landschaft birgt.

Die Geschichte um die Jugendlichen ist interessant. Sie offenbaren wenig voneinander. So weiß auch der Leser nicht wirklich, mit dem er es zu tun hat und was die einzelnen Teenager getan haben, um in der Antarktis zu landen. Nur nach und nach gibt es ein paar Infos über die Vergangenheit einzelner Charaktere.

Die 17-jährige Crash, einer dieser Teenager, ist die Ich-Erzählerin der Geschichte. Aus ihrer Sicht erfährt der Leser, wie sie die Ankunft in der weiße Wüste erlebt, wie das Zusammenleben in der Gruppe verläuft und was die Teeanger alles erleben.
Später kommen zwei weitere personale Perspektiven hinzu, die Crash’ Sicht ergänzen und Einblick in die Gedanken dieser Figuren liefern.
Die Mischung der Figuren ist dabei sehr abwechslungsreich – nicht nur die Teenager sind recht unterschiedlich, mit den Betreuern und der Besatzung der russischen Nachbarstation kommen sehr vielfältige, spannende Charaktere zusammen, über die man teilweise aber leider recht wenig erfährt.

Die Handlung ist nicht langweilig, aber trotz einiger mysteriöser Vorfälle schon zu Beginn kam für mich zunächst nicht so richtig Spannung auf. Es war weiterhin vor allem der Schauplatz, der mich gefesselt hat, weil er so viele eigene Gefahren birgt. Die Liebesgeschichte, die sich ab der Mitte des Buches entwickelt, hätte ich nicht unbedingt gebraucht. Lange will sie sich für mich nicht wirklich ins Geschehen fügen. Trotzdem habe ich das Buch gern gelesen und war am Ende auch auf die Auflösung gespannt, wer dort versucht, den Teenagern übel mitzuspielen. Auf den letzten Seiten wird die Geschichte immer dramatischer – und nun auch ziemlich spannend. Aber das Ende konnte mich dann leider nicht ganz überzeugen.

Gefallen hat mir die Entwicklung, die die Figuren im Verlauf durchmachen. Für die Jugendlichen ist die Zeit in der Antarktis die letzte Chance. Jeder hat seine Vorgeschichte und nimmt nicht ohne Grund an dem Programm teil. Aber sie sind einfach, wie sie sind und so läuft so manches nicht, wie die Betreuer und Verantwortlichen es sich vielleicht gewünscht hätten. Dass keiner eine 180° Wendung durchmacht und plötzlich zum Engel mutiert, macht die Entwicklung authentisch. Letztlich wirken die Umgebung und die Ereignisse sich auf jeden in anderer Weise aus und lösen zumindest ein teilweises Umdenken aus...
Und auch für den Leser gibt es einige Themen, die zum Nachdenken anregen. Es wird nicht darauf herumgeritten, aber über die komplette Handlung hinweg werden immer wieder kritische Themen eingeworfen (Klimawandel, Walfang, technische Entwicklung...). Da die Handlung in der nahen Zukunft spielt, stellt sich wohl für jeden die unmittelbare Frage: Wie wird es wirklich in 10 Jahren sein...?

Hach, letztlich fällt es mir irgendwie schwer, das Buch zu bewerten. Ich liebe den Schauplatz, die bildhaften Beschreibungen und den flüssigen Schreibstil (zum Glück ist die Sprache der Teenager weitestgehend normal – nur dreimal „Alter“ ;) ).
Insgesamt fehlte es mir aber stellenweise etwas an Spannung und Tempo. Die Handlung plätschert streckenweise vor sich hin und einige der Charaktere bleiben recht blass. Erst im letzten Drittel wird es richtig spannend und dramatisch und trotzdem konnte mich die Geschichte aufgrund des ungewöhnlichen Handlungsortes, über den ich gar nicht genug erfahren konnte, durchweg zum Weiterlesen bewegen...
Knappe 4 Möhrchen für dieses außergewöhnliche Setting.


Vielen Dank an den Beltz-Verlag sowie für die Bereitstellung des Rezensionsexemplars.

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