Freitag, 28. Oktober 2016

Rezension: Eine Geschichte der Zitrone von Jo Cotterill

Eine Geschichte der Zitrone

Autorin: Jo Cotterill
erschienen September 2016
ISBN: 978-3-551-56036-0
© Carlsen
berührend, aber ein wenig zu knapp

Calypso ist eine Einzelgängerin, denn von ihrem Vater hat sie gelernt, sich auf ihre innere Stärke statt auf andere zu verlassen. So weist die 11-jährige auch den ersten Kontaktversuch der neuen Mitschülerin zurück. Doch Mae bleibt hartnäckig und schon bald freunden sich die zwei Mädchen, die im Lesen eine gemeinsame Leidenschaft entdecken, an. Calypso lernt, was Freundschaft und Familie bedeutet, während ihr eigener Vater in seiner Arbeit versinkt...

Ich muss gestehen, dass das Buch meine Erwartungen nicht ganz erfüllen konnte, weil ich mir teilweise etwas mehr gewünscht hätte (ich falle aber wohl auch etwas aus der Zielgruppe). Trotzdem hat mir die Geschichte insgesamt gut gefallen.

Die 11 ½-jährige Calypso ist die Ich-Erzählerin mit manch eigenwilligen Gedankengängen. Der Leser nimmt an ihren Überlegungen und Gefühlen teil und kann dadurch die Entwicklung, die sie im Verlauf der Geschichte durchmacht, miterleben.

Und diese Entwicklung ist nachvollziehbar geschildert. Zuhause übernimmt sie die Mutterrolle: kocht, wäscht, macht ihrem Vater Essen. Kind sein kann sie nur selten, Nähe und Zuneigung erfährt sie im Grunde nie. So eröffnet sich durch die Freundschaft mit Mae, welche Calypso oft mit zu sich nach Hause nimmt, eine ganz neue (Familien-)Welt, die sie manchmal überfordert und viel zum Nachdenken bringt. Dadurch bietet die Handlung kindlich-verspielte, aber vor allem berührende und traurige Szenen.

Calypsos Vater ist... ein Fall für sich. Und hier geht mir die Geschichte nicht weit genug. Es geht um Trauer und Verlust und eine psychische Störung, aber alles wird nur angerissen, obwohl dieser Aspekt so starken Einfluss auf Calypsos Leben hat. Kaum ist das Problem benannt, ist es schon fast wieder gelöst – und auch wieder nicht, denn aufgrund eines Zeitsprungs bleibt offen, wie sich die Familiensituation entwickelt hat.
Überhaupt finde ich, dass einige Handlungsstränge, die ziemlich viel Raum in der Geschichte eingenommen haben, nicht komplett aufgelöst werden. Hier mag aber letztlich auch die eingeschränkte Erzählperspektive aus der Sicht des Kindes zum Tragen kommen, die nur wenig Raum für das Innenleben des Vaters bietet.

Das Ende lässt zumindest für den Leser noch die Möglichkeit, sich selbst zu überlegen, wie sich Calypsos Leben entwickelt haben mag...

Der Schreibstil ist – der Zielgruppe und der Erzählerin angepasst – relativ einfach, wodurch sich der Text leicht und flüssig liest. Dabei macht sich Calypso aber durchaus tiefgründige Gedanken (z.B. wann ist man eigentlich normal?), ohne sich dabei in ausschweifenden inneren Monologen zu verlieren.

Berührende Geschichte über Familie und Freundschaft und das Finden von eben diesem. Ernste Gedanken der jungen Protagonisten durchziehen die Geschichte und lassen auch den Leser ins Grübeln kommen. Leider geht es am Ende ziemlich schnell und vieles bleibt offen – aber nicht, ohne eine Spur von Hoffnung zu hinterlassen.


Ich danke dem Verlag für das via NetGalley bereitgestellte Rezensionsexemplar.

1 Kommentar:

  1. Hey Anja ♥

    das ist ja ein Buch, welches mir schon über den Weg gelaufen ist. Der Verlag hat ja so schöne Bücher und da ist mir dieses neuere ins Auge gesprungen. Hört sich ganz interessant an, nur das Ende macht mir etwas Angst, obwohl es auch schnell gut sein kann... Mal schauen :)

    Liebste Grüße Sine

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