Montag, 9. Mai 2016

Rezension: Alexandra Dichter - Schwester golden, Bruder aus Stein

© In Farbe und Bunt

Schwester golden, 
Bruder aus Stein

Autor: Alexandra Dichtler
erschienen Mai 2015
ISBN: 978-3941864283  

besondere Protagonistin mit ungewöhnlicher Geschichte


Lotta führt kein ganz so gewöhnliches Leben. Seit einem Unfall, bei dem sie ihre Eltern verloren hat, lebt sie bei ihrem Großvater. Aufgrund ihrer geringen Größe musste sie viele Hänseleien und dumme Sprüche einstecken, Freundschaften aufzubauen war fast unmöglich. Sie lebt eher zurückgezogen, ist jedoch alles andere als ruhig. In Lotta brodelt es, sie steckt voller Energie, die ihr manchmal Angst macht. Als sie dann auch noch Stimmen hört, glaubt sie, völlig verrückt zu werden. Lottas neuer Mitschüler Jurij kennt sich mit „unerklärlichen Stimmen“ aus – doch ist Lotta genauso wie sein psychisch kranker Bruder oder steckt etwas völlig anderes dahinter?


Die Charaktere in den Büchern von Alexandra Dichtler sind alle einzigartig und besonders. Die Leichtigkeit und Unbeschwertheit, die viele Protagonisten sonst haben, sucht man hier vergeblich. Die jungen Menschen sind gezeichnet von Krankheiten, schweren, familiären Situationen oder ihren charakterlichen Besonderheiten. Sie haben es nicht unbedingt leicht, aber genau das macht es so spannend, sie zu begleiten, sie kennen und verstehen zu lernen. Hinter die Masken zu blicken, kann einem viel mehr zeigen, als nur vorbei zu sehen. Besonders schön finde ich, dass trotz der Schicksale immer wieder deutlich wird, dass die Figuren schöne Momente erleben, dass sie sich freuen und Spaß am Leben haben – soweit das eben möglich ist und nicht die nächste Katastrophe ins Haus steht. Man muss nicht von Geburt an auf der Sonnenseite des Lebens stehen, um etwas aus sich und der Zukunft zu machen.

Ich habe ein wenig gebraucht, um in die Geschichte hinein zu finden und mich auf die Figuren und Handlung einzulassen. Zu Beginn des Buches prasseln die Probleme und Schwierigkeiten erst mal ziemlich geballt auf den Leser ein. Man ist etwas verloren in Lottas chaotischer Welt, in der sie selbst manchmal ihren Platz sucht.
Da es bereits mein zweites Buch der Autorin ist, kannte ich ihren Stil schon. Auch hier habe ich wieder deutlich gespürt, dass Sprache und Satzbau mit der Gefühlslage der Personen verknüpft sind. Wenn die Stimmung eher gedrückt ist, die Figuren verwirrt und durcheinander sind oder alles drunter und drüber geht, gibt es eher kurze Sätze, ohne Ausschmückung, ohne Schnörkel. Ist die Atmosphäre nicht so düster, werden auch die Beschreibungen bunter, verschachtelter und lebendiger. Dadurch überträgt sich die Stimmung beim Lesen gut und es fällt zunehmend leichter, sich auf die Handlung und die Personen einzulassen. Die schönen Naturbeschreibungen helfen zusätzlich dabei, sich in Lottas Heimatort zurecht zu finden und ihre Ausflüge in den Wald mit ihr zu genießen.
Durch die Ich-Perspektive ist man sehr intensiv bei Lotta. Man erlebt ihre aufgewühlten Gefühle mit, man taucht in ihre Gedanken ein, man durchlebt gemeinsam ihre Träume, die teilweise ziemlich beängstigend sind. In Lotta schlummert eine Kraft, die nicht so recht greifbar ist, die mit ihr Dinge zu tun scheint, die sie selbst nicht erklären und vor allem nicht so richtig steuern kann. Zwischendurch habe ich mich immer wieder gefragt, was Lotta sich einbildet, was echt ist und was möglicherweise doch zum Fantasyanteil des Buches gehört.
Besonders durch die Kombination mit den psychischen Problemen von Jurijs Bruder, fällt es schwer, das Rätsel selbst zu entschlüsseln. Einige Dinge sind ähnlich, andere wiederrum ganz anders und immer bleibt die Frage, was da wirklich passiert, wie alles zusammenhängt und wie es wohl weitergehen wird.
Zum Ende der Geschichte wird es noch mal temporeich und überraschend. Es gibt unerwartete Wendungen, erneutes Chaos und reichlich Emotionen. An einer Stelle liefen bei mir sogar die Tränen.

Die Dinge sind nicht immer, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Es lohnt sich, einen zweiten Blick zu wagen, sich auch auf schwierige Situationen einzulassen und die Türen für besondere Charaktere zu öffnen, die ihre Geschichte erzählen möchten.
Ein interessantes Buch, das mich zwischendurch verwirrt, aber auch berührt und überrascht hat.



Vielen Dank an die Autorin Alexandra Dichtler für das bereitgestellte Rezensionsexemplar!


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