Freitag, 15. August 2014

Rezension: Sandra Regnier - Die Stunde der Lilie

© Impress (Carlsen)
Die Lilien-Reihe,
Band 1:
Die Stunde der Lilie 
 Autor: Sandra Regnier
erschienen August 2014
ISBN: 978-3-646-60073-5

eine abwechslungsreiche Reise ins vergangene Frankreich


Jeder kennt es, doch nicht jeder liebt es: den Geschichtsunterricht. Da kaut man stundenlang mit einem, vielleicht auch noch strengen, mauligen, grimmigen oder altbackenen Lehrer durch, was die Damen und Herren in den vergangenen Jahrhunderten so getrieben haben, wer welchen Streit begonnen und wer wen auf dem Königsstuhl ersetzt hat. Besonders aufschlussreich ist natürlich auch, welche Entwicklung in der Steinzeit gemacht wurden, wer wann, aus welchem Grund seinen Nachbarn vor „Gericht“ oder auf den Scheiterhaufen bringen durfte und so weiter. Die wirklich aktuellen, wichtigen und interessanten Themen kommen häufig zu kurz - so erging es zumindest mir früher.
Für einige ist Geschichtsunterricht bestimmt spannend, aufregend und es gibt so viel zu entdecken. Für andere ist es eher ein lästiges Übel mit vielen Jahreszahlen, trockenen Fakten und zu vielen Namen, die sich ja doch keiner merken kann. Julias absolutes Hassfach ist hingegen Französisch. Eine Sprache, die ihr einfach nicht in den Kopf will, egal was sie versucht. Geschichte dagegen mag sie recht gern, es fällt ihr leicht, sich Daten und Zusammenhänge zu merken und diese in logischer Reihenfolge wiederzugeben. Ihr Glück! Doch vermutlich hätte sie niemals erwartet, dass sie ihr Wissen in einer solchen Form brauchen könnte. Während eines Ausritts mit ihrer Schulfreundin gerät sie auf mysteriöse Weise ins 17. Jahrhundert und landet, wie sollte es auch anders sein, mitten in Frankreich! Anderes Land, andere Zeit, andere Sitten, furchtbare Sprache – eine Kombination, die bei Julia nicht unbedingt Jubelschreie hervorruft. Da es jedoch keinen offensichtlichen Weg zurück in ihre Zeit gibt, muss sie sich bemühen, in ihrer neuen Umgebung klar zu kommen. Ein Unterfangen, das sie vor viele unerwartete Herausforderungen stellt.


Der Schreibstil von Sandra Regnier ist angenehm und flüssig. Die Sprache ist an die Zeit des 17. Jahrhunderts angepasst, bleibt aber trotzdem verständlich. Zwischendurch mischt Julia immer mal wieder „moderne“ Begriffe in ihre Äußerungen, die mich zum Schmunzeln und die anwesenden Charaktere zum Kopfschütteln bringen.
Julia muss, nachdem sie begriffen hat, dass es sich leider um keinen absurden Traum handelt, viel lernen – besonders Französisch-, sich der Zeit und den Menschen anpassen, damit sie nicht so sehr negativ auffällt. Um ihre Person gibt es viele Gerüchte, Gespräche und Spekulationen, da man ihr Erscheinen im Versailles des 17. Jahrhunderts nur schwer nachvollziehbar erklären kann. Etienne ist ein strenger, perfektionistischer Lehrer, der immer wieder für eine Überraschung gut ist. Er bringt ihr alles Nötige bei, um am königlichen Hof als Dame akzeptiert zu werden. Die Umstellung ist der 16 Jährigen nicht leicht gefallen, immer wieder kann der Leser ihre mürrischen Gedankengänge mit verfolgen. Die Beschreibungen aus ihrer Perspektive helfen dabei, ihre Situation zu verstehen und die Schwierigkeiten, die sich ihr bieten, nachvollziehen zu können. Immer wieder gibt es witzige Momente, in denen sie gern aus ihrer Haut fahren würde und allen Leuten erzählen will, was sie in der Zukunft erwartet.
Die Reise in die vergangene Zeit bietet einen interessanten und aufschlussreichen Einblick in die geschichtlichen Entwicklungen und Lebensverhältnisse in Frankreich. Natürlich hatte man diese Thematik auch in der Schule, jedoch sind mir nicht alle Ereignisse so präsent gewesen und so war es spannend zu verfolgen, welche Verstrickungen, Intrigen und Machtkämpfe es gab. Die Mischung aus realen Geschehnissen und fiktiven Szenen ist sehr abwechslungsreich. Ein gutes, erklärendes Nachwort macht dann zum Abschluss auch noch einmal deutlich, welche Handlungselemente übernommen und welche abgewandelt wurden.
Zeitweise waren mir die ganzen unterschiedlichen Namen jedoch etwas zu viel, besonders wenn man nicht viel zu den Personen erfährt, sondern nur die verwandtschaftlichen Beziehungen dargestellt werden.
Zum Ende des Buches hat Julia viel erlebt und eine enorme Entwicklung durchlaufen, viele Fragen bleiben jedoch noch offen und man ist gespannt, wie es im nächsten Band wohl weitergeht und welche Herausforderungen noch gemeistert werden müssen.
Sympathische Charaktere, eine ungewohnte, aber gut erklärte Zeit und ein angenehmer Stil sorgen für interessante Lesestunden im entfernen Frankreich.




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