Samstag, 12. Juli 2014

Rezension: Tanja Meurer - Glasseelen


©  bookshouse 
  Glasseelen 
  Schattengrenzen
  Autor: Tanja Meurer
  erschienen Januar 2013
  Verlag: bookshouse
  ISBN: 9789963722433

der Sandmann findet auch dich


Jedes Jahr gibt es viele Suizidfälle, einige sind ziemlich spektakulär, andere passieren so heimlich, dass kaum jemand etwas davon mitbekommt, außer die engsten Verwandten und Vertrauten. Die Methoden sind vielfältig: erhängen, erschießen, verbluten, vergiften und wieder andere Springen aus großer Höhe irgendwo runter. Genauso ist es auch in Berlin passiert, direkt vor den Augen von Theresa und Camilla. Ein Schock fürs Leben, wenn man den Körper eines Mannes direkt vor sich aufschlagen sieht. Doch damit ist ihr Urlaub noch lange nicht vorbei, jetzt beginnt der Irrsinn und der Wettlauf gegen die Zeit erst so richtig. Ein kaltblütiger Serienkiller treibt sein Unwesen, verstümmelt Frauen, schneidet ihnen z.B. die Augen raus. Da möchte man nur möglichst weit weg sein und nicht ins Visier geraten…Dich was wenn es dafür schon zu spät ist?


Camilla ist eine sehr interessante Protagonistin, die meist sehr selbstbewusst auftritt, gut kombiniert, zusammenfügt, was sie nur in Einzelstücken erfährt und sehr viel grübelt. Im Verlauf der Geschichte entwickelt sie sich, wächst an ihren Herausforderungen und findet für sich selbst einen Weg, den sie bestreiten will. Für eine 19-jährige ist das nicht unbedingt normal. Viele würden an der schwierigen Situation zerbrechen, sich einmauern und nichts mehr um sich herum mitbekommen wollen, Camilla handhabt das anders. Sie möchte alles erfahren, die Zusammenhänge verstehen, anderen helfen und natürlich auch sich selbst so in Sicherheit wissen.
Dabei an ihrer Seite ist Chris, der schon länger in der Unterwelt von Berlin lebt, die Camilla erst neu kennenlernt. Er ist geprägt von seinem bisherigen Leben, aber trotzdem total sympathisch. So wie er beschrieben wird, ist er genau der Richtige um an Camillas Seite all diese Herausforderungen zu bestehen.
Die Mischung der anderen Charaktere und Figuren ist sehr interessant, eine gelungene Kombination aus realen Personen, maschinenhaften Puppen und sonderbaren Wesen, die immer für Abwechslung und Überraschungen sorgen.

Der Schreibstil von Tanja Meurer hat mir gut gefallen. Gleich zu Beginn wird man mitten ins Geschehen gestellt und auch nicht so wirklich wieder freigegeben, bevor man die letzte Seite gelesen hat. Besonders die sehr detaillierten Beschreibungen von Geräuschen und Gerüchen sorgen dafür, dass man sich die Schauplätze sehr plastisch vorstellen kann.
Camilla schliddert in eine Welt, die ihr bisher völlig unbekannt war und die aus Dingen besteht, die man selbst kaum glauben mag. Dabei sind die Übergänge zwischen Realität und Mysterie so geschickt gewählt, dass man nicht anzweifelt, was Chris und Camilla erleben. Die Welt ist insgesamt sehr stimmig, gut durchdacht und toll aufgebaut.
Faszinierend finde ich den Wechsel von sehr hektischen, dramatischen und teilweise wirklich brutalen Szenen mit sehr ruhigen, einfühlsamen Passagen, in denen Platz und Raum für tiefe, positive Gefühle bleibt. Manche Elemente sind wirklich nichts für Zartbesaitete, da an anschaulichen Beschreibungen nicht gespart wird. Da ist kaum vorstellbar, wie sich bei all diesen Problemen eine kleine Liebesgeschichte entwickeln soll und doch ist es nicht unglaubwürdig, so wie es im Buch eingebunden ist. Dieser Halt ist für Camilla sehr wichtig, sie ist nicht allein und kann trotz der Schwierigkeiten der Sache insgesamt einiges Schönes abgewinnen.
Nur Stück für Stück erfahren Leser und Protagonisten von all den Geheimnissen und Geschehnissen in der Berliner Unterwelt. Die Hintergründe und Zusammenhänge werden einem nicht auf dem Silbertablett präsentiert, das muss auch gar nicht sein, da es so viel spannender ist. Nur nach und nach versteht man die Bausteine von denen man erfährt, man macht sich eigene Gedanken, versucht mit zu puzzeln und muss am Ende doch darauf warten, bis Chris und Camilla genug wissen, um die Komplexität der Situation zu erfassen. Sehr interessant ist dabei auch die Einbindung eines literarischen Klassikers, den man dabei nicht zwingend kennen muss, um der Handlung folgen zu können.


Insgesamt ist Glasseelen ein sehr abwechslungsreiches, in sich stimmiges Buch. Man taucht ab in eine Welt, in der Gewalt, Brutalität und Manipulation genauso an der Tagesordnung stehen wie Vertrauen, Zusammenhalt und Liebe. Dabei helfen einem interessante, außergewöhnliche Charaktere während des Lesens Licht ins Dunkel zu bringen.



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